Mich vermisst keiner!

"Mich vermisst keiner!": Ich habe selten einen Film gesehen, der die Trostlosigkeit, die wahre Trostlosigkeit des Lebens, so gekonnt zeichnet - als kleines Stück auf abgeschlossener Bühne, in einer unauffälligen, unprätentiösen Verpackung, ruhig und unaufdringlich, wie beiläufig: in der beiläufigen Vergänglichkeit, die das eigentliche Wesen der Natur ist und die deren Grausamkeit ausmacht: Unabänderlichkeit und Unerbittlichkeit zwingen sanft, und das ist barbarisch. Die Abgeschlossenheit der Wohnung nimmt die Abgeschlossenheit des Sarges vorweg: und die Verkörperung des immobilen Menschen in einem einzigen Individuum ist der Inbegriff zeitloser Erstarrung, die hier, noch im Leben, anklingen gelassen, herangeholt und vorweggenommen wird, Versinnbildlichung des "nunc stans" wortwörtlich, des ewigen Mittags Friedrich Nietzsches, der das ewige Dunkel ist. Ewiger Mittag und ewige Dunkelheit, im Film vereint im lautlosen Zwielicht und Dämmerschein der Wohnung. "Die Wiege schaukelt über einem Abgrund, und schon der platte Menschenverstand sagt uns, daß unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist." (Vladimir Nabokov.)

In Viscontis "Tod in Venedig": Das Leben zum Tode in einer großen, wehmütigen Apotheose, in Kunst transzendiert, deshalb annehmbar. Wenn man "Mich vermisst keiner" gesehen hat, wird man dagegen nicht Lust haben, nach dem Kinobesuch noch in einem Café viele Aspekte wohlig zu erörtern, zu dialogisieren: Wenn nicht die Wahrhaftigkeit der wörtlich absoluten Trostlosigkeit davon abhält, sich noch in Gesellschaft zu begeben, dann die Trostlosigkeit der wörtlichen Wahrhaftigkeit, wenn die einzige Protagonistin lebenserfahren und -gelassen von der kalten Realität nächtlicher Tankstellenbesuche erzählt, Bier sich zu verschaffen, welches zu Hause ausgegangen ist und das man doch so nötig hat, ebenso, wie noch einen Anschein Würde zu bewahren und das Händezittern zu verbergen.

Jene Damen und Herren, die für die programmplanende Voraussicht beim Fernsehen verantwortlich sind, haben es für angemessen gehalten, den Film, wie ein ungeliebtes Kind, auf einem Sendeplatz mitten in tiefer Nacht zu verstecken. Allerdings, andererseits: Fände sich "Mich vermisst keiner!" zusammenhanglos-unvermittelt eingereiht in die TV-Welt heutigen Gepräges, in die krawallige Aufdringlichkeit von ‚Soap-Operas‘, ‚Telenovelas‘, Boulevardmagazinen, ‚Skripted-Reality-‘ und Pseudo-‚Doku-Soaps‘, gestopft mit Personen, deren auftrumpfende Positionierung und Schreihalsigkeit sich als rechtes Leben gefällt: Fände sich also "Mich vermisst keiner!" in der solcherart verdrehten und verdrehenden Welt des Hauptstrom-Karussell-Publikums - wäre das nicht nachgerade ein Affront? Manchmal kann es an eine Beleidigung heranreichen, attestiert zu bekommen, von den Allzulauten und Allzuvielen gemocht zu werden. Ja, insofern paßt der Film ganz gut in die Nacht und in den Abstand.

Filme dauern, wie Bücher. Dieser wird wachsen mit den Jahren. Und möglicherweise wird er eines Tages geborgen werden aus den Trümmern unserer Zeit und wird neuen Generationen, die leichteren Schrittes durch die Welt gehen als die gezeichnete Protagonistin des Filmes und als wir, die wir von einem solchen Werk ergriffen sind, zeigen, warum unsere Zeit in Trümmer gegangen ist.

Andreas Heidel, Januar 2019

Dokumentarfilm, 2016, 28 Min. Premiere auf dem DOK Leipzig 2016, Publikumspreis der Mitteldeutschen Filmnacht Filmfest Dresden 2017, Publikumspreis Kategorie DOK Kurzsuechtig 2018. Mit Unterstützung der BASIS BERLIN (Tonmischung). Regie und Schnitt: Erik Lemke. Tonschnitt und Mischung: Jonathan Ritzel, Ansgar Frerich. Farbkorrektur und Titelgestaltung: Tawan Arun

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