Berlin Excelsior

Text von Pawel Reinhardt
„Für mich ist BERLIN EXCELSIOR ein Sittenbild aus der Mitte der Berliner Republik - von einer Gesellschaft, die mehr und mehr ihre Mitte verliert. Ein Film über Menschen, die sich nach einem anderen Leben sehnen oder wenigstens ihr altes zurückhaben wollen. Über den Wunsch, dazuzugehören, über Abstiegsangst und Selbstoptimierungsversuche.
Vom Tellerwäscher zum Millionär. Aus eigener Kraft. Vielleicht war das schon immer ein Ammenmärchen. Doch die Menschen im anonymen Excelsior-Hochhaus halten daran fest. Dreißig Quadratmeter. Ein Zimmer, Kochnische, Bad. Trotz doppeltem Hochschulabschluss. Und für viele reicht es noch nicht einmal mehr dafür. Sie werden selbst hier noch verdrängt. Anerkennung bekommen sowieso andere. Mein Haus, mein Auto, mein Pferd. Gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, für andere Menschen sorgen - das sind in diesem Wettbewerb keine Kategorien. Und so träumt auch der Erzieher vom ganz großen Ding. Die Helden von BERLIN EXCELSIOR sind die Junkies eines Kapitalismus, der längst jedes gesunde Maß verloren hat. Ungezügelt und ohne jeden Respekt vor der Natur und der menschlichen Würde. Im Film hat der ausgerechnet die Gestalt eines Ossis angenommen und kommt als freundlicher Onkel daher. Ein Thüringer – mit durchaus komischem Potential! Er ist der heimliche Antagonist der Geschichte. Ein Zyniker, dem noch das größte Übel Kurzweil bietet, der wohl weiß, dass das Spiel der anderen nicht zu gewinnen ist - und trotzdem mit ihnen spielt.
Wovor sich die Protagonisten ängstigen, was sie für sich um jeden Preis abwenden wollen, dafür stehen die anderen Bewohner aus dem Excelsior. Die, die sich längst abgefunden haben, die nicht mehr kämpfen wollen oder es schlicht nicht mehr können. Unter Krankheit leidend, alt, körperlich verfallen, arm. Für die ein Lottogewinn noch am realistischsten ist, um ihrer Lage zu entkommen.
Und alles wäre Hoffnungslosigkeit – wäre da nicht auch ein Licht. Mit großer Wucht strahlt das über alles hinweg. Es geht von zwei kleinen Italienern aus. Warm, rein, wahrhaftig. Vor dem Einschlafen überlegen sie gemeinsam, was wohl der schönste Moment des Tages war.
BERLIN EXCELSIOR handelt von Menschen, die in einem Dilemma stecken. Nicht genug, dass sie eine schlechte Startposition erwischt haben. Sie laufen auch noch in die verkehrte Richtung. Ihrem tragischen Schicksal werden sie nur entgehen, wenn sie aufhören, sich fremd bestimmen zu lassen. Nur wenn sie erkennen, dass es im Leben um Freundschaft, um echte menschliche Nähe, um eine Umarmung am Abend geht, werden sie Erlösung erfahren.“

Dokumentarfilm, 2017, 87 Min. Rommel Film in Koproduktion mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg Regie/Schnitt: Erik Lemke. Buch: Erik Lemke & André Krummel Bildgestaltung: André Krummel Produzent: Peter Rommel Festivals: 51. Internationale Hofer Filmtage 2017, Achtung Berlin 2018, Dokumtentarfestival Karlsruhe 2018

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